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Geschichte der KurdInnen

Die Geschichte der KurdInnen, eine Geschichte des Scheiterns

ImageAuch wenn das Ziel der Führer der kurdischen UnabhängigkeitskämpferInnen in vielen Perioden formell nur ein Mehr an Autonomie für dieses Volk war, so ist es doch unbestritten, was die Mehrheit der Bevölkerung in Kurdistan im Grunde stets wollte: ein Ende der nationalen Unterdrückung, da es einen unabhängigen kurdischen Staat nie gegeben hat - von historisch unbedeutenden Intermezzi einmal abgesehen - und das, obwohl die KurdInnen eines der ältesten Völker des mittleren Ostens sind. Zu gut ist es dem Imperialismus und seinen Verbündeten (ebenso wie den Großreichen in den vorkapitalistischen Zeiten) gelungen, die KurdInnen zwischen den Interessen der herrschenden Strukturen zu zerreiben - ein Muster, auf das die Politik in Kurdistan immer wieder hineingefallen ist, was sich bis heute nicht geändert hat.

Seit dem dritten Jahrhundert vor Christus gibt es Aufzeichnungen über die KurdInnen als ein nomadisierendes Volk, dessen Stämme wegen meist schlechter Böden in ständiger Rivalität um Weideplätze zueinander standen. Ihr Territorium, das zwischen Persien und dem späteren Osmanischen Reich lag, weckte daher auch lange Zeit wenig Interesse bei den Herrschern der Antike und des Mittelalters (in dem die KurdInnen allerdings gezwungen werden, den Islam anzunehmen).

Weil kurdische Stämme die türkischen Herrscher im 16. Jahrhundert gegen die Perser unterstützten, erhielten sie von den Osmanen unabhängige Fürstentümer - da diese in etwa gleich groß waren, förderten die Türken damit jedoch auch gezielt schon sehr früh die Zersplitterung der KurdInnen in einzelne Stämme, die sich gegen die internen RivalInnen häufig mit Nicht-KurdInnen verbünden - auch das ein Muster, das sich bis in die heutige Zeit zieht.

Kein Wunder, dass sich die Identifikation der KurdInnen vor allem entlang dieser Stammesgrenzen abspielt. Im späten Mittelalter gingen dann zahlreiche kurdische Stämme (von ca. 60.000 Personen) zur Sesshaftigkeit über, wobei das gemeinsame Weideland an die Führer (Bay genannt) ging, die ihre Nachfolger in der Regel selbst bestimmen konnten. Die nächste Untereinheit bilden die Clans oder "Tiras", die in einigen Fällen auch selbst die Grundbesitzer waren. Diese wiederum bestanden aus ca. dreißig Großfamilien, die das untere Ende der sozialen Strukturen bildeten. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist sicherlich die Differenz dieser so genannten asiatischen Produktionsweise, die durch Gemeinschaftsgrundbesitz charakterisiert ist, zu den europäischen Gesellschaften mit ihrer Unterteilung in Besitzende und Besitzlose. Außerhalb dieser Ordnung stehen im mittelalterlichen Kurdistan die armenischen Christen, die in den neu entstehenden Fürstenstädten als Handwerker oder Geschäftsleute tätig waren. Sie übernahmen vielerorts später auch die Funktion der bürgerlichen Bildungselite.

Als sich im 19. Jahrhundert in Europa und der Türkei der Kapitalismus politisch durchzusetzen begann und das osmanische Reich in eine immer tiefere Krise stürzte, erst dann gingen in Kurdistan Grund und Boden in den Besitz der Adeligen und einiger Bauern über, wobei die meisten Menschen landlos blieben. Man könnte auch sagen: Als woanders der Kapitalismus Einzug hielt, fing bei den KurdInnen erst der Feudalismus so richtig an.

Was zu dieser Zeit ebenfalls nach Ostanatolien gelangte, war der Nationalismus, der vor allem von den entstehenden Bildungsschichten (Ärzte, Juristen) in den Städten, die die bürgerlichen Werte aus Istanbul übernahmen, getragen wurde: Erste Aufstände bewegten die Türken dazu, den Druck auf die kurdischen Fürsten zu erhöhen. Trotzdem war eine zunehmende Rivalität zwischen den Stammesführern feststellbar, wer denn nun der legitime König der KurdInnen sei. In diesem Zusammenhang gewannen auch religiöse Führer erstmals an Bedeutung.

Dem Motto "Zuckerbrot und Peitsche" folgend, reagierten die osmanischen Regenten darauf wiederum mit Zugeständnissen für die KurdInnenfürsten, schließlich wurden diese auch als Verbündete im Kampf gegen die Armenier benötigt.

Bis zum ersten Weltkrieg, der eine Zäsur im Bestreben der KurdInnen nach nationaler Identität bedeutete, kam es zur Herausbildung erster paramilitärischer Gruppen. Das Ende des Krieges und der damit verbundene Zerfall des osmanischen Reiches nährten die Hoffnungen dieser bürgerlichen NationalistInnen auf einen eigenen Staat. Tatsächlich wurden den KurdInnen 1920 im Friedensvertrag von Sevres ein eigener territorial beschnittener Rumpfstaat zugesagt. Doch die untereinander zerstrittenen und quantitativ sehr bescheidenen kurdischen Eliten nutzten diese Chance nicht (der Druck aus der bäuerlichen Bevölkerung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht besonders hoch).

Dafür können drei Gründe ins Treffen geführt werden: Die kurdischen Führer waren wirtschaftlich wie kulturell mit der Türkei auf das Engste verbunden, die Stämme waren auch geographisch stark zersplittert, die Führungskrise nicht gelöst. Außerdem wurde ein guter Teil der Bildungseliten durch das Massaker des osmanischen Reichs  an den Armeniern schlichtweg ausgelöscht.

So kam es 1922 und 1923 zur Konferenz von Lausanne, in der Kurdistan zwischen England (Gebiet des heutigen Nordirak), Frankreich (drei Provinzen, die zu Syrien kamen) und der Türkei (der Kurdistan aber nie offiziell zugesprochen wurde) aufgeteilt wurde. Dazu kommt noch eine erhebliche Zahl von KurdInnen, die seit jeher in Persien (heute Iran) gelebt hat.

Es folgten zahlreiche Revolten, bis das Territorium letztlich tatsächlich 1930 von den Türken kontrolliert wurde, die aber auch danach nicht beendet waren. Das antiquierte Gesellschaftssystem wurde beibehalten: Da die kurdischen BäuerInnen das Land, das sie nutzten, in der Regel pachteten (wobei bis zu zwei Drittel der Einnahmen an den Grundherren abgegeben werden mussten), bildete sich kein Landproletariat heraus. Ebensowenig gab es eine ernsthafte Industrie, die sich zudem nur auf Rohstoffabbau, nicht aber auf Verarbeitung konzentrierte, weswegen der Anteil der kurdischen ArbeiterInnenklasse an der Gesamtbevölkerung bei weniger als sechs Prozent lag.

Es gab allerdings sehr wohl ein kurdisches Proletariat - dieses jedoch weit entfernt von den Bergen Anatoliens in den industriellen Zentren der Türkei. Die reformistische TIP, die in den 60ern vor allem in Ankara einen Aufschwung genoss, wurde somit auch von den KurdInnen, die dort lebten, geschätzt - vor allem deswegen, weil sie im Gegensatz zur stalinistischen TKP keine negative Einstellung zur KurdInnenfrage hat. Während später in den 70ern der Maoismus in der Türkei boomte, wendeten sich die KurdInnen zu dieser Zeit eher dem Stalinismus der PDKT zu. 1981 wurde auch die PSKT populär, die die KurdInnenfrage mit einer Sowjetrepublik lösen wollte - dazu kommen noch zahlreiche andere Gruppierungen, die phasenweise eine gewisse Rolle bei den kurdischen ArbeiterInnen spielten.

Die Kowa etwa kritisierte den Opportunismus der stalinistischen Parteien. Sie zerfiel 1978 in die KIP und die PKK, die aus kurdischen Intellektuellenzirkeln in Ankara hervorging. Die PKK bediente sich bei Maoismus und klassischem Stalinismus, weswegen die Etappentheorie genauso eine Rolle spielt wie das Volkskriegskonzept der Guerillas. Bindende Klammer ist der Nationalismus, der über Klassenfragen steht - und eine ausgesprochen undemokratische Struktur mit scharf abgegrenzten Führungszirkeln. Angereichert wird diese Konstellation mit einer absolut unsolidarischen Haltung gegenüber anderen Linken, die auch vor Morddrohungen nicht zurückschreckt. Böse Zungen behaupten deshalb, dass sich die PKK das Schlechteste aus allen fehlgeleiteten linken Entwicklungen zusammengesucht hat.

Den Militärputsch in der Türkei von 1980 "überstehen" die FührerInnen der PKK jedenfalls am besten von allen Linken, womit ihre zentrale Stellung im Befreiungskampf eingeleitet wird. Als Reaktion führte die Türkei 1985 die so genannten Dorfschützer ein, die außerhalb des Rechtssystems standen und bewaffnet waren - und Ankara genauso dienten wie den lokalen Stammesführern.

Obwohl sich die PKK auch danach im kleinbäuerlichen Bereich einigermaßen festigen konnte, gelang es ihr nie richtig, beim Proletariat Fuß zu fassen. Wahrscheinlich wurde das auch gar nicht ernsthaft angestrebt: Gewerkschaftliche Organisierung und demokratische Entscheidungen passen nicht sehr gut in das von den Massen abgehobene Volksbefreiungskonzept militärischer Eliten. So hatte die PKK 1989 auch keine Antworten auf massive soziale Proteste kurdischer ArbeiterInnen.

1991 bis 1993 verstärkte sich der politische "Terror" der PKK (von Volksbefreiung zu Anschlägen). In der Öffentlichkeit verbarg sich die PKK hinter einem nationalen "Kurdistan Komitee". Ihr wird unterstellt, mit Drogenhandel und Schutzgelderpressung ihren Krieg  finanziert zu haben. Andere linke und kurdische Gruppen sowie KritikerInnen wurden eingeschüchtert oder umgebracht. 1992 schätzte das türkische Innenministerium die Zahl der PKK-KämpferInnen auf 15.000, davon 40 % Frauen, und auf 100.000 MilizionärInnen, also mit der PKK sympathisierende bewaffnete Bevölkerung. Mit dieser militärischen Festigung der PKK ging zunehmende Repression des türkischen Staates einher, welche natürlich vorwiegend die verarmte Zivilbevölkerung traf, was wiederum die Wut auf Ankara und somit die Popularität der PKK steigerte. Im Mai 1993 eskalierte die Gewalt: PKK-AktivistInnen stoppten einen Bus mit jungen Männern, erklärten sie zu Verrätern und erschossen sie. Im selben Jahr zerstörte die türkische Armee die kurdische Stadt Lice.

In den Jahren 1995 bis 1998 vollzog die ursprünglich in der Rhetorik linke, atheistische und anti-islamistische Bewegung einen politischen Wandel: Mitglieder der PKK nahmen an öffentlichen Demonstrationen teil, ein der PKK nahestehender islamischer Verein wurde gegründet. Daneben blieb der PKK-"Geheimdienst" aber weiterhin für Attentate und gewalttätige Aktionen verantwortlich. Neues Ziel wurden touristische Destinationen an Stelle von militärischen Einrichtungen, womit man die Türkei ökonomisch schwächen wollte.

Dann die Kehrtwende: Im Rahmen eines Waffenstillstandsangebotes am 1. September 1998 erklärte die PKK ihre Bereitschaft, sich an einer friedlichen und bürgerlich-demokratischen "Lösung" beteiligen zu wollen. Gründe dafür gibt es mehrere: Erstens sicherlich die klare Schwächung durch immer vehementere Angriffe der türkischen Militärs (bei allerdings unverminderter Popularität); zweitens eventuell der Wunsch, ebenso wie andere ehemalige "TerroristInnen" endlich auch am bürgerlichen Machtkuchen mitnaschen zu wollen.

Nach einer längeren Odyssee auf der Suche nach Asyl in einem europäischen Land wurde PKK-Führer und Mitbegründer Abdullah Öcalan 1998 in Rom festgenommen, wieder freigelassen und schließlich am 15. Februar 1999 von einem türkischen Sonderkommando in Nairobi nach Istanbul entführt. Die gegen ihn ausgesprochene Todesstrafe wegen Hochverrats und des Versuchs, einen Teil des türkischen Staatsgebiets durch "terroristische Aktivitäten" abtrennen zu wollen, wurde später auf internationalen Druck ausgesetzt. Öcalan ist bis heute auf der Insel Imrali in Isolationshaft.

Abdullahs Nachfolger, sein Bruder Osman Öcalan, setzte - jetzt bereits aus einer Position der Defensive - die Deeskalationspolitik fort und nannte später gar "das Zusammenleben von TürkInnen und KurdInnen" als höchstes Ziel der PKK . An ihrem siebten außerordentlichen Kongress vom 20. Jänner 2000 beschloss die PKK, die militärischen Operationen einzustellen und eine friedliche Lösung der kurdischen Frage zu suchen.

Im Juni 2004 kündigte die PKK den seit 1999 bestehenden einseitigen Waffenstillstand auf, da die türkische Regierung unter der gemäßigten islamischen AKP ihrer Meinung nach keine Schritte für eine Lösung der kurdischen Frage entwickelt hatte. Ganz stimmt das nicht: zumindest was die kurdische Sprache betrifft, die früher in der Türkei nicht anerkannt wurde, gab es seit 1999 gewisse Lockerungen - auch sitzen seitdem erstmals Abgeordnete kurdischer Parteien im bürgerlichen Parlament von Ankara. Nach einer kurzen befristeten und einseitig ausgerufenen Waffenruhe im Jahre 2005 gilt nach Aufruf von Öcalan seit Oktober 2006 eine neuerliche Waffenruhe.

Die Strahlkraft Öcalans dürfte aber definitiv nachgelassen haben: Als Konsequenz der immer noch stark eingeschränkten Minderheitenrechte und der sozialen Misere in Kurdistan, an der sich kaum etwas geändert hat, bildete sich ein Flügel heraus, der vom KurdInnengebiet des Nordirak heraus wieder paramilitärische Strukturen forcierte. Den militärischen Gegenschlag der türkischen Militärs auf irakischem Staatsgebiet konnten wir alle in der bürgerlichen Presse mitverfolgen. Anzumerken dazu sei nur, dass die türkische Offensive weder mit den Luftschlägen Ende 2007 begonnen noch bis dato aufgehört hat.

Der längste Aufstand der KurdInnen fand aber gar nicht in der Türkei, sondern im Nordirak statt, dazu später. Ein weiteres wichtiges Kapitel kurdischer Geschichte, von dem viele KurdInnen noch heute "träumen", ereignete sich auf dem Territorium des heutigen Iran: Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Westen des damals neutralen Iran von der Sowjetunion und Großbritannien besetzt. Damit sollten Versorgungswege für die Sowjetunion geschaffen werden. Die Sowjetunion wollte ihren Einfluss in dieser Region erhöhen und so wurden die KurdInnen dazu aufgefordert, eine neue (Moskau-treue) Partei zu gründen und schließlich eine autonome Republik auszurufen. Gleiches taten die Aserbaidschaner. 1946 wurde die Republik Kurdistan in Mahabad ausgerufen - ein Horrorszenario für den Imperialismus, dem schon damals Stabilität im ölreichen Nahen Osten das Hauptanliegen war, wobei sich Stabilität in erster Linie auf imperialistische Kontrolle bezieht. Naheliegend, dass ein kurdischer Staat, der den Separatismus im damals noch kolonial unterworfenen Orient anstacheln konnte, Washington und seinen Verbündeten ein Dorn im Auge war. Andererseits war die Sowjetunion ein zu wichtiger Partner im Kampf gegen Hitler-Deutschland und für die Nachkriegsordnung, als dass man damals schon auf diese Provokation hätte reagieren können.

Das Staatsgebiet der Republik Kurdistan war jedenfalls ein länglicher Streifen auf iranischem Territorium, der sich entlang der Grenzen zum Irak und der Türkei im Norden bis zur Sowjetunion erstreckte. Etwa zeitgleich mit der Gründung der autonomen Republik kamen mehr als 3.000 Stammeskrieger der populären Barzanis aus dem Irak nach Mahabad. Sie flüchteten nach einem niedergeschlagenen Aufstand vor der irakischen Armee. Sie schlossen sich der Republik an und bildeten deren Armee. Ihr Anführer Molla Mustafa Barzani wurde zum General ernannt und ein Parlament mit dreizehn Abgeordneten gebildet. Bereits im April und Mai 1946 kam es mehrfach zu Gefechten zwischen den KurdInnen und der iranischen Armee, dann zu einem Waffenstillstand und zu Verhandlungen zwischen der iranischen Regierung und den KurdInnen unter Beteiligung Großbritanniens. Die Verhandlungen führten zu keinem Ergebnis, so dass iranische Truppen schließlich erneut die Stellungen der Barzanis angriffen. Der Stalinismus, der seine nach dem zweiten Weltkrieg gewonnene Bedeutung nicht durch offene Konfrontation mit dem Imperialismus aufs Spiel setzen wollte, ließ die KurdInnen daraufhin genauso im Stich, wie es alle anderen Mächte davor und danach getan haben: Nach dem Rückzug der sowjetischen Armee wurde die Republik Kurdistan am 16. Dezember 1946 vom Iran erobert. Die Region ist heute Teil der iranischen Provinz West-Aserbaidschan.

Das Ergebnis des Krieges war die Zerschlagung der kurdischen Republik und die Ausschaltung ihrer Führungsschicht. Wegen "Aufruhrs" und "Hochverrats" wurde Präsident Qazi Mohammed zum Tode verurteilt. Trotzdem genossen und genießen die KurdInnen im Iran seit jeher noch die relativ höchsten Minderheitenrechte, wenn man sie mit jenen in der Türkei und im Irak unter Saddam vergleicht.

Nun aber zum Irak selbst: 1958 wurde der Irak zur Republik und die KurdInnen als Volksgruppe anerkannt, was sich schon 1960 wieder änderte. Die einflussreichste KurdInnen-Partei, die eher konservativ ausgerichtete PDK (DPK, KDP) unter General Mustafa Barzani, beschloss daraufhin, den Widerstand zu organisieren. Diese Bewegung war nur auf den Irak bezogen und hatte die Autonomie der KurdInnengebiete zum Ziel.

Die Situation verschlechterte sich ab 1968 für die KurdInnen noch mehr, als das Baath-Regime die Macht im Irak übernahm. Gleichzeitig wurden mit Barzani Geheimverhandlungen geführt, die 1970 in einem Abkommen mündeten, das allerdings nur von der DPK veröffentlicht wurde. Es sah insbesondere die Beteiligung der KurdInnen an der Macht (interessanterweise erst ab 1974) vor, behandelte aber auch sprachliche und kulturelle Rechte. Umstritten war, ob die von vielen KurdInnen bewohnte erdölreiche Provinz Kirkuk zum KurdInnengebiet zählen sollte, oder nicht - eine Frage, die bis heute nicht gelöst ist. Die Mächtigen in Bagdad dachten jedoch gar nicht daran, Kurdisch als Amtssprache zuzulassen, sondern setzten ihre Arabisierungspolitik im Norden fort.

Das hinderte die DPK nicht, weiter an die Verhandlungen zu glauben, was die kurdische Bevölkerung 1974 bitter bereute: Das Baath-Regime begann mit einem offenen Krieg gegen die KurdInnen, woraufhin bis zu 300.000 Menschen in den Iran flohen. Das Ende der Kämpfe 1975 war trotzdem nicht in erster Linie durch militärische Schwäche bedingt, obwohl der Irak fast all seine Truppen (ca. 150.000 SoldatInnen) mobilisierte, denen nur ein Drittel (50.000) Peshmergas, kurdische KämpferInnen, gegenüberstanden.

Die entscheidende Wende war vielmehr ein Kuhhandel mit dem Schah Persiens, dessen Ursachen man näher beleuchten sollte. 1972 kam es zu einem Freundschaftsabkommen zwischen dem Irak und der Sowjetunion, das dem Baath-Regime Waffenlieferungen zusagte. Da dieses Kriegsgerät gezielt gegen die KurdInnen eingesetzt wurde, vergingen diesen bald alle Hoffnungen in den Stalinismus und sie wandten sich dem Schah zu. Barzani nahm als Folge ein Angebot des persischen Despoten, ihm Waffenhilfe gegen den Irak zu leisten, an. In der Angst, fallen gelassen zu werden, verlangte Barzani eine Garantie der USA für die Autonomie der KurdInnen, die diese auch gewährten.

Es kam allerdings gleich darauf im März 1975 zum Abkommen von Algier zwischen dem damaligen irakischen Vize-Präsidenten Saddam Hussein und dem iranischen Schah Mohammad Reza Pahlavi, in dem der gemeinsame Grenzverlauf und die Garantie der Sicherheit entlang der gemeinsamen Grenze festgelegt wurden. Darüber hinaus beinhaltete der Vertrag die gegenseitige Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Nichteinmischung hieß natürlich nicht mehr oder weniger als Bagdad wieder freie Hand gegen die KurdInnen zu lassen. Der Schah hatte mit der Unterstützung der KurdInnen den Irak also nur schwächen wollen, war aber klug genug, die Unterstützung ausreichend spärlich zu gestalten, dass diese niemals eine ernsthafte Gefahr darstellen konnten. Da Barzani daraufhin in Panik den Widerstand aufkündigte und seine Kämpfer in den Iran "schickte", war die Kampfkraft der Peshmergas de facto neutralisiert. Er selbst ging zunächst in die USA, dann auch in den Iran - und verstarb 1979 in den USA, als sein Sohn Masud bereits seine Nachfolge übernommen hatte.

Diese Niederlage führte zu einer Neuformierung der KurdInnen im Irak - zu einer wichtigen Kraft wurde die Liga der Arbeiter Kurdistans, die PUK unter Dschalal Talabani, die sich rhetorisch mehr auf die ArbeiterInnenklasse bezog und sich eine weniger nationalistische  Linie verpasste. Es kam daraufhin überraschend schnell wieder zu einem Wiederaufleben des kurdischen Widerstandes. Ausgangspunkt waren die Revolution im Iran 1979 und der darauf folgende Krieg zwischen Irak und Iran. Nach der Revolution brachte die iranische KurdInnenpartei KDPI, ein Flügel der KDP im Irak, die nordwestiranische Stadt Mahabad und deren Kaserne unter kurdische Kontrolle, bald auch Sarandaj, wo die Kaserne belagert wurde. Im Mai 1980 wurde ein Waffenstillstand vereinbart. 1980 begann der erste Golfkrieg durch den Einmarsch der irakischen Armee im südlichen Iran. Nachdem dort bald das Vordringen zum Stillstand kam, eröffnete der Irak im Dezember eine neue Front im Norden, im iranischen Teil Kurdistans. Der Irak unterstützte die iranischen KurdInnen gegen ihre Regierung, und bald kam es zu einer engen militärischen Kooperation. Umgekehrt arbeitete die irakische KDP mit dem iranischen Militär gegen Bagdad zusammen und stieß - zum Teil an der Seite iranischer Pasdaran - tief in irakisches Gebiet vor. Es kam später sogar zu einem offenen Krieg zwischen KDP und PUK (die Saddam militärisch unterstützte), bei dem es tausende Tote gab. Damit war der Golfkrieg in Kurdistan zum großen Teil ein Stellvertreterkrieg, bei dem sich beide Regierungen unterschiedlicher kurdischer Hilfstruppen bedienten.

Nach Ende der Kampfhandlungen zwischen Iran und Irak im Jahre 1988 wurden in beiden Ländern umfangreiche Truppen frei, die zur "Befriedung" der jeweiligen kurdischen Landesteile eingesetzt werden konnten und auch eingesetzt wurden. Insbesondere im Irak wurde schnell und mit großer Härte von dieser Gelegenheit Gebrauch gemacht: Im Juli standen etwa 15.000 irakische Soldaten in Kurdistan, Mitte Juli bereits 60.000. Es waren praktisch alle denkbaren Waffensysteme im Einsatz, bis zu chemischen Kampfstoffen. Auch dabei kamen die KurdInnen aufgrund ihrer verfehlten Politik der kurzsichtigen "Zweckbündnisse" wieder zwischen alle Fronten: Die Stadt Halabja beispielsweise wurde im Zuge schwerer Kämpfe im März 1988 nicht nur vom Irak, sondern - so wird vermutet - auch vom Iran mit - in Deutschland hergestellter - chemischer Munition beschossen. Etwa 5.000 tote ZivilistInnen waren die Folge. Der kurdische Aufstand war damit Ende der achtziger Jahre (wieder einmal) niedergeschlagen, eine erneute Flüchtlingswelle brach aus.

Danach kam der zweite Golfkrieg 1990/1991. Nach dem Ende dieser imperialistischen Invasion gerierten sich die USA wieder als "Schützer" der KurdInnen und errichteten eine Flugverbotszone im Nordirak. Die Repression hörte damit freilich nicht auf, man ließ Saddam, der das Land ja zusammenhalten sollte, im Kleinen durchaus freie Hand; trotzdem vollzog sich eine gewisse Stabilisierung: Es konnte erstmals so etwas wie eine eigene Verwaltung aufgebaut werden. Bis 1998 blieb allerdings der Konflikt zwischen KDP und PUK im Irak virulent, der in zwei verschiedenen lokalen Verwaltungen gegipfelt hatte.

Mit dem zweiten Irak-Feldzug (2003) der USA, die von den kurdischen Parteien gegen Saddam unterstützt wurden, wurde diese Stabilisierung sogar noch fortgesetzt. Die vom US-Imperialismus und seinen Verbündeten diktierte Verfassung räumt den KurdInnen ausdrücklich Autonomie im Nordirak ein; gerade diese relative Stabilität macht die KurdInnen derzeit sogar zu einem eher attraktiven strategischen Partner des Westens (OMV); kein Zufall also, dass Talabani zum Präsidenten der irakischen Marionettenregierung wurde.

Die Geschichte lehrt jedoch - und diese Aussage spannt einen Bogen über alle KurdInnengebiete, dass die KurdInnen für andere Staaten immer nur Mittel zum Zweck waren, die bei Bedarf sehr schnell wieder wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen werden.

Geschichte Kurdistans - Geschichte des Scheiterns haben wir getitelt. Warum aber dieses permanente Scheitern, wo doch den meisten Völkern der Weg zur Bildung eines Nationalstaates gelungen ist? Ein zentraler Grund ist sicherlich die historische Rückständigkeit der KurdInnen, denen es nicht nur an einer starken ArbeiterInnenklasse, die die richtigen Antworten auf nationale Unterdrückung finden könnte, sondern auch an einem entwickelten Bürgertum fehlt. Die bürgerliche Klasse ist schlichtweg zu schwach, um die Massen alleine kontrollieren zu können. Die Konsequenz ist naheliegend: Bevor ihre eigenen Besitztümer gefährdet werden, geht sie immer noch lieber ein Bündnis mit ausländischen Mächten ein, den zu erwartenden Verrat vielleicht sogar ahnend. Nationale Unterdrückung bringt für KapitalistInnen nämlich einen Vorteil: Unter dem Joch der Repression geraten die sozialen Differenzen in den Hintergrund des Bewusstseins. Die Schlussfolgerung kann also nur sein, den KurdInnen zu raten, sich von diesen inkonsequenten und verräterischen FührerInnen zu trennen, denn ihnen haben sie ihr permanentes tragisches Scheitern zu verdanken.

Wir unterstützen die KurdInnen voll in ihrem Kampf gegen nationale Unterdrückung und verteidigen sie gegen Angriffe und Kriminalisierung durch bürgerliche Staaten, ohne ihnen aber zu verheimlichen, dass das nicht ihre soziale Misere lösen wird. Genauso wenig, wie sie sich auf die bürgerliche Klasse in ihren Separationsbestrebungen verlassen konnten, würden sie das in einem unabhängigen Staat tun können. Für sie - wie für alle unterdrückten Völker - gilt, dass der Kampf gegen nationale Unterdrückung eigentlich ein Kampf gegen den Kapitalismus sein muss, der nur solidarisch mit den Ausgebeuteten anderer Völker erfolgreich sein kann. Letztlich muss es den kurdischen ArbeiterInnen und BäuerInnen selbst überlassen werden, ob sie einen eigenen Staat wollen, oder nicht.

Nur eine revolutionäre Partei wird aber in der Lage sein, den KurdInnen eine Perspektive außerhalb des nationalistischen Denkens aufzuzeigen - eine Perspektive nämlich, die nicht nur rhetorisch, sondern tatsächlich die soziale Misere dieses Volkes löst, indem sie den Massen jene Losungen ausgibt, mit welchen sie die Wurzel all ihrer Probleme, nämlich den Kapitalismus (der unweigerlich mit Nationalismus verbunden ist) überwinden kann. Die moderne Geschichte zeigt ja, dass sich andere Völker (Osttimor, Kosovo u.a.) zwar von nationaler Unterdrückung lösen konnten, sich die Lage der breiten Masse - nach einer kurzen Phase nationalistischer Euphorie - aber selten verbessert hat, weil die ökonomischen Mechanismen stets dieselben geblieben sind. Zugegeben: Es gibt Ausnahmen wie etwa Slowenien, die aber damit zusammenhängen, dass sich hier eine im Vergleich zum Gesamtstaat Jugoslawien ökonomisch weitaus stärkere Region abgespalten hat, was aber auf Kurdistan sicher nicht zutrifft.

Der entscheidende Faktor für die Verwirklichung der antikapitalistischen Ziele, der sowohl die nationale als auch die ökonomische Unterdrückung der Massen beenden könnte, ist eine starke ArbeiterInnenklasse - das im Zeitalter des Kapitalismus einzig verbleibende revolutionäre Subjekt. Doch dieser einzige Gegenpol, der konsequent für die Interessen der Ausgebeuteten eintreten könnte, ist heute in Kurdistan noch nicht sehr entwickelt.
Die Lösung kann aber trotzdem nicht sein, diese revolutionären Forderungen wegen der Schwäche der kurdischen ArbeiterInnen abzuschwächen oder sich der kleinbäuerlichen Mentalität vieler KurdInnen anzubiedern; das beweist die kurdische Geschichte ja hinlänglich.

Die geringe Entwicklung des Proletariats in Kurdistan erklärt nicht nur die Beschränkung auf Lösungen innerhalb des kapitalistischen Systems, es wird auch das Entstehen einer revolutionären Partei in Zukunft erschweren - da gibt es nichts zu beschönigen. Das ändert aber nichts daran, dass nur eine solche Partei - auch für die  in Kurdistan dominierenden BäuerInnen - einen konsequenten Ausweg aus der jahrhundertelangen Unterdrückung finden kann.

 
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