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Michelangelo Antonioni

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Michelangelo Antonioni
eine Antwort auf die unzähligen bürgerlichen Nachrufe

Von Estege

ImageDiese Woche ist der italienische Regisseur Antonioni gestorben. Nachdem zu Lebzeiten Antonionis dessen Werk so gut als möglich totgeschwiegen wurde, wird jetzt von allen bürgerlichen Medien eine angebliche Hommage betrieben, indem die Bedeutung des Künstlers für das 20. Jahrhundert hochgejubelt wird. Was ist aber die wirkliche Bedeutung seiner Werke? Ist es nicht gerade eine Kritik am bestehenden System und somit auch an den Medien? Die jetzigen bürgerlichen Stellungnahmen tun so, als ob Antonioni einer der ihren gewesen wäre. Ein Intellektueller, der nur von der bürgerlichen Elite verstanden wurde. "Es waren natürlich keine Filme, die Millionen anzogen", schreibt der Stern auf seiner Homepage in einem Nachruf und verdreht damit einmal mehr die Tatsachen. Seine Filme waren ein Kontrast zur bürgerlichen Propaganda a la Hollywood, und fanden sehr wohl ein relativ großes Publikum, obwohl oder gerade wegen ihrer schonungslosen Kritik, was das heutige kritische Kino wohl kaum noch schaffen dürfte. Nicht weil seine Filme so schwer verdaulich für die ArbeiterInnenklasse waren, sondern weil seine Kritik so unverdaulich für das Bürgertum war, durfte er kein Kassenschlager werden. Damit reihte sich Antonioni ein, in die Gruppe der hervorragenden KünstlerInnen des 20. Jahrhunderts, die durch die diffizile Zensur des Kapitalismus - die zwar nicht direkt verbietet, sondern alles Unliebsame scheinbar duldet, aber von Anfang an unterdrückt - vor der ArbeiterInnenklasse versteckt wurden.

 

Darum bleibt als letzte Aufgabe "unserer unabhängigen" Medien nach dem Tode des Regisseurs ein für alle mal dafür zu sorgen, dass auch der revolutionäre Charakter seiner Werke getötet wird. Das Gesamtwerk wird so uminterpretiert, dass es problemlos in die bestehende Ideologie passt und die Aussagen der Filme harmlos und belanglos werden. Mittels der modernen philosophischen Werkzeuge des Kapitalismus - der Postmoderne, die zu guter Letzt die Sprache selbst zur konkurrierenden Ware machte, wird das Werk Antonionis neu interpretiert und seiner Revolutionarität beraubt. Dazu gehört aber genauso, dass Antonionis schwere Fehler zu Beginn seiner Karriere, als er für eine faschistische Zeitung lobende Kritiken über die filmische Umsetzung von Hetzwerken wie Jud Süss schrieb, verschwiegen werden.

Ausgehend vom unabhängigen Individuum als atomarer Baustein unserer Gesellschaft, sehen die bürgerlichen InterpretInnen eine verstörende, mystische Darstellung in Antonionis Filmen: Personen die von unerklärlicher innerer Unruhe getrieben sind. Jeder Einzelne ist eine scheinbar unabhängige Monade. Jeder hat seine eigene Wahrheit. Die Figuren versuchen ständig miteinander umzugehen, aber scheitern daran, weil sie sich nicht verstehen und nicht verstehen können. "Ein spezifisches Gewicht der Zeit, das sich im Innenleben der Figuren abspielt und sie von innen her aushöhlt", schreibt der OnlineStandard in einem Nachruf mit Gilles Deleuze's Worten über Antonionis Werk. Das ist die plumpe bürgerliche Interpretation. Plump deshalb weil der Ausgangspunkt der Interpretation ein beliebiger ist und nicht von der Gesamtheit der Realität bestimmt ist.

Wahr ist das Gegenteil, und genau gegen diese bürgerliche Sichtweise hat sich Antonioni mit seinen Filmen gewehrt. Er hat sein Leben lang die bürgerliche Ideologie und Wissenschaft einer fundamentalen Kritik unterzogen. Das Problem der bürgerlichen Wissenschaften ist, dass sie erstens keineswegs so unabhängig von der kapitalistischen Ökonomie und deren Handlangerin - der bürgerlichen Politik - sind, wie sie es gerne verlautbaren, und dass sie zweitens kein Gesamtbild der Realität wiedergeben. Dazu sind sie nicht fähig, weil es ganz einfach ihrer Funktion - einfache, direkt verwendbare Ergebnisse für die Weiterentwicklung der Produktion in Industrie und Landwirtschaft zu produzieren - nicht entspricht. Deshalb werden ganz nach dem Muster der Warenwirtschaft die einzelnen Wissenschaften in autonome Teildisziplinen gegliedert, die unabhängig voneinander zu Ergebnissen führen, die den Erkenntnisse anderer Disziplinen teilweise widersprechen oder diese zumindest außer Acht lassen.

Die einzelnen bürgerliche Wissenschaften reduzieren damit die Komplexität der Realität auf einfache Relationen zwischen Dingen und abstrahieren dadurch von allen Eigenschaften weg, die diesen Relationen gegenüber nicht gleichgültig sind. Für den Chemiker etwa besteht die Welt ausschließlich aus chemischen Stoffen. Insofern die einzelnen Teilwissenschaften in ihren jeweiligen Spezialgebieten bleiben, können sie sehr wohl zu neuen Erkenntnissen kommen. Aber das Erkenntnisvermögen wird immer durch die vorgegebene Schranke der Einteilung der Wissenschaften beschränkt sein. Als bestes Beispiel sehen wir die Wirtschaftswissenschaften, die in den letzten Jahrzehnten so etwas wie eine Disziplin der Statistik wurden, aber die Bewegungsmomente der Ökonomie damit immer noch nicht erklären können, weil sie das gegebene kapitalistische System bereits als Voraussetzung sehen, anstatt die ganze Entwicklung der Ökonomie zu untersuchen, wie es Marx getan hat, und stattdessen den Menschen als einen homo kapitalistikus betrachten.

Die Sozialwissenschaften entfernten sich in äquivalenter Weise immer mehr von dem, was sie die große Illusion der Ideologien nennen, hin zu scheinbar autonomen Betrachtungen von einzelnen Phänomenen: der isolierten Analyse von einzelnen Menschengruppen mit besonderen Merkmalen. Die Postmodernen etwa untersuchten mit Leidenschaft den Wahnsinn, die SoziologInnen die Naturvölker. Wer auf diese Weise untersucht, ist schnell gefangen von den gewählten Begrifflichkeiten selbst. Je nachdem welche Grundannahmen die Wissenschaft  wählt, werden die Ergebnisse ausfallen. Die ganze Untersuchung bekommt einen mehr oder weniger zufälligen Charakter. Die Ergebnisse müssen nicht unbedingt falsch sein, aber ihr Nutzen sei dahin gestellt.

Und genau deshalb muss der bürgerlichen Wissenschaft die Kompetenz der Wahrheitsfindung abgesprochen werden. Die Wahrheit hat immer einen Bezug auf das Konkrete, aber nur dann, wenn es innerhalb des Ganzen betrachtet wird. Nur das Ganze ist das Wahre. Hier endet der Zufall der Betrachtungsweise und es wird die allgemeine Notwendigkeit und die Bewegung des Einzelnen darum herum sichtbar. Im Gegensatz zur bürgerlichen Ideologie sehen wir nämlich, um auf die Sozialwissenschaften und Antonioni zurück zu kommen, die einzelnen Menschen bereits als Produkt unserer Gesellschaft und der Beziehung zur Umwelt. Letztere werden aber wiederum durch die Tätigkeiten der einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft verändert. Daher ist das denkende Individuum als solches nicht Ausgangspunkt, sondern bereits determiniert. Und in diese Determiniertheit stellte Antonioni seine Figuren. Nicht das "Innenleben" der Figuren ist Ursache der folgenden Handlungen, sondern die vorgefundenen gesellschaftlichen Verhältnisse führen bei den Personen zu den schwerwiegenden und scheinbar mystischen oder unvorstellbaren Handlungen. Antonioni zeigt uns damit unser eigenes Bild, nur der Ort des Geschehens ist ein Anderer. Dadurch wird es für uns fremd und zur Unselbstverständlichkeit: wenn etwa eine Hauptperson eines Filmes einfach so verschwindet und die restlichen Personen nach ihr suchen und während des Suchens selbst das Suchende vergessen. (Unter Anderem sehen wir in seinen Filmen eine Darstellung von Konsequenzen der bürgerlichen Ideologie, die Marx Warenfetischismus nannte.)

Besonders eindrucksvoll hatte Antonioni in l'eclisse die bürgerliche Sichtweise negiert, indem er zeigte was übrig bleibt von den angeblich isolierten unabhängigen Individuen, wenn man immer mehr wegnimmt: nämlich nichts - die weiße Leinwand. So wie die Figuren in der Landschaft und die Landschaft in der weißen Projektion und diese schlussendlich in der Aufhebung des Films selbst - in der weißen Leinwand - verschwinden, genauso verschwindet die Idee des bürgerliche Individuums ohne seine materielle Verankerungen in der Realität.

Die selbe Kritik finden wir in Blow up, wo wir Zeugen eines eventuellen Verbrechens werden. Bei der Photoentwicklung eines Negatives ist ein Umriss einer Leiche erkennbar. Das Photo zeigt aber nur eine Momentaufnahme der Tat, nicht das Ganze und es ist daher nicht eindeutig zuordenbar. Mit moderner Technik wird das Gezeigte immer stärker vergrößert, aber die modernste Technik zeigt bei falscher Anwendung keinen Nutzen, da durch die Vergrößerung das Erkennbare immer verschwommener wird. Es ist eine schlechte Form der Konkretheit, weil es immer weiter abstrahiert, die Zusammenhänge immer mehr verschwinden und dadurch eine eigene zufällige, scheinbar neue "Wahrheit" erlangt, die uns aber nicht befriedigen kann, sondern immer weitere Rätsel aufgibt. Hier wird wieder die bürgerliche Denkweise auf die Schippe genommen, die sich auf die Analyse von abstrakten Begriffen beschränkt und verbohrt, ohne in der Lage zu sein, in Zusammenhängen und in dialektischer Weise das Gesamte und damit auch die Negation des Einzelnen und damit den Zusammenhang des Ganzen zu begreifen.

Die Realität holt den Betrachter in Blow up jedoch ein, denn er ist keineswegs der objektive Betrachter von außen, sondern gerät mitten in das Geschehen und wird zum handelnden Subjekt. Was im Gegensatz zum angeblichen Anspruch der heutigen Wissenschaft steht, unabhängig und ohne subjektive Einflussnahme die Welt erklären zu wollen.

Was schlussendlich bei der bürgerlichen Betrachtungsweise herauskommt, bei der die Idee nicht mehr zur Realität in einem Bezug steht, sondern in einer abstrakten Begrifflichkeit, die in einer schlechten "Hinterwelt" begründet ist, sehen wir am Ende von Blow up, wenn wir ein Tennisspiel ohne den Ball sehen.

Die Kritik am bürgerlichen System und dessen Auswirkungen auf die Menschen zieht sich wie ein roter Faden durch Antonionis Gesamtwerk, auch wenn dieses vielschichtig und keineswegs darauf reduzierbar ist. Er selbst meinte aber, dass er immer wieder das Selbe in seinen Filmen zum Thema hatte. Das, was für ihn notwendig war, die Probleme unserer Gesellschaft, haben sich während Antonionis langem Leben nicht grundlegend verändert. Vielleicht ist aus dem Schwarz-weiß Film der Farbfilm geworden, aber der zentrale Inhalt seiner Filme ist der Selbe geblieben. Die Fragestellungen haben sich nicht verändert und sind heute noch genauso aktuell. Die halbherzigen Lösungsvorschläge haben uns bisher nicht weitergeholfen, und werden es auch in Zukunft nicht. Nur die Lösungen, die das gesellschaftliche Gesamte in Betracht ziehen und damit das Notwendige des Ganzen in jeder konkreten Umsetzung akzeptieren, werden erfolgreich die Probleme unserer Zeit bewältigen. Wir wollen hier nicht unterstellen, dass Antonioni ein "unbewusster" Marxist war, aber seine Kritik am Kapitalismus führte an die Grenzen des Kapitalismus heran und ruft gerade nach einer radikalen Veränderung, auch wenn er diese selbst seinem Zuseher überlassen hat.

Und deshalb ist Zabriskie Point auch nicht bloß eine Hommage an die wilden 70er Jahre, mit schönen Farben und DarstellerInnen, sondern eine sinnliche Hinterfragung der Gesellschaft, mit einem absoluten Schwerpunkt auf die Antwort dieser Frage am Ende des Films: die Explosion der Villa mit allen ihren Gegenständen in Permanenz. Zerstören ist besser als erzeugen, wenn wir nicht etwas absolut Notwendiges erzeugen, meinte schon ein Arbeitskollege Antonionis.
 
Antonioni hat mit seinem Werk etwas absolut Notwendiges erzeugt. Er war ein wahrer Künstler, weil er schonungslos mit seiner Kritik die Schwächen der bürgerlichen Gesellschaft zum Thema hatte und mit den Möglichkeiten des Films kongenial umsetzte. Diese Tatsache lassen wir uns von keinen bürgerlichen Medien nehmen.

 
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